Mein Menschenbild
Psychologische Praxis Hans-Peter Kolb

Bei Diskussionen über Unterschiede zwischen Mensch und Tier wird meist nur über Intelligenz oder Humor geredet und ein bedeutsamer Aspekt unerwähnt gelassen, nämlich dass wir Menschen mit Abstand die größte Liebesfähigkeit besitzen. Es gibt nichts im ganzen Universum, wofür sich nicht mindestens ein Mensch derart stark interessiert, dass er dafür schließlich eine Leidenschaft und dann Liebe entwickelt. Andererseits kann sich in jedem von uns Hass aufbauen, wenn wir nicht mehr lieben können oder wollen.


»Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten.« (Goethe, Götz von Berlichingen).


In einem Buch von Gerald Hüther (Gerald Hüther: Die Evolution der Liebe, 2012) wird ausgeführt, dass das Leben auf diesem Planeten sich stets auf Liebe ausgerichtet hat und in uns Menschen darin den Höhepunkt erreicht hat. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist jede Krankheit eine Störung der Liebesfähigkeit, wir können dann nicht genug Liebe für uns und für andere entwickeln oder das Verhältnis zwischen Fremd- und Eigenliebe stimmt nicht mehr. Insofern ist das »Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst« eine absolut goldene Lebensregel. Das ist Beziehungsarbeit.


Unter einem anderen Blickwinkel betrachtet, nämlich aus der sogenannten systemischen Sicht, sind wir Menschen (wie übrigens alle Lebewesen) sich selbst organisierende bzw. sich selbst aktualisierende Systeme (Systeme, die aus einzelnen Elementen bestehen, die in einem wechselseitigen Kräfteverhältnis stehen). Wir reagieren also von innen heraus immer so, dass sich unser eigentliches Wesen in Abhängigkeit von unserer Umwelt ausdrückt, also aktualisiert. Diese Reaktion geschieht nicht aus unserem Willen heraus, sondern ist absolut unbewusst.


Insoweit wir einander ähnlich sind, ist auch unser Unbewusstes ähnlich, sodass man mit Fug und Recht von einem kollektiven und einem individuellen Unbewussten sprechen kann.


Wir reagieren aber nicht nur auf gegenwärtige Umstände, sondern auch aus unserer Geschichte heraus, aus vergangenen Erfahrungen, an die wir uns teilweise bewusst erinnern können, die aber auch in anderen Bereichen und auf andere Art gespeichert sind, sodass wir vom Bewusstsein her erst einmal keinen Zugriff darauf haben, und es gibt Pläne und Ziele in uns, auf die wir uns ausrichten, und die teils willentlich, teils in unserer Selbstaktualisierungstendenz verankert sind und damit also erst einmal unbewusst. An diesem »erst einmal« setzt dann die Arbeit an sich selbst an, dass in einem therapeutischen Prozess ein Raum geschaffen wird, sei es durch Gespräche oder Trance, in dem es dann möglich ist, die Arbeit des Unbewussten bzw. den Prozess der Selbstaktualisierung zu beobachten und zu erkennen, was von früher her noch eine Rolle dabei spielt und welche Bedürfnisse, Wünsche und Ziele diesen unbewussten Prozess leiten.


Der Prozess der Selbstaktualisierung führt nun nicht immer zu einem optimalen inneren Gleichgewicht. Wenn es zu labil ist, fühlen wir uns »un-wohl«, also krank. Psychotherapie oder das aus der Seelenheilkunde sich ergebende Vorgehen ist nun der von einem Psychotherapeuten begleitete und geförderte Prozess, in einem Stirb-und-Werde eine bessere innere Ordnung zu erreichen. Da es hierbei keine technisch-mechanistischen Regeln gibt, die einem Ursache-Wirkung-Prinzip folgen, bringt ein Therapeut am besten unspezifische (aber nicht beliebige) Maßnahmen ein, wie z.B. Wertschätzung, Interesse, Einfühlungsvermögen, Raum schaffen und Anregungen geben (sei es im Gespräch, im klassischen analytischen Setting mit der Couch oder in einer Trance) u.ä., genauso wie man eine Pflanze, die man zu besserem Wachstum bringen will, nicht an den Blättern zieht, sondern ihr genügend Wasser, Licht usw. gibt. Mit der sich dabei entwickelnden Liebe also gelingt es dann Therapeut und Klient voneinander zu lernen und sich immer weiterzuentwickeln. Wenn der Therapeut vergisst, dass er Therapeut ist, und der Klient, dass er Klient ist, kann Heilung geschehen.

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